Autor: LearningGarden

  • Verdacht auf Dyskalkulie: So führst du sensible Elterngespräche mit Empathie & Klarheit

    Verdacht auf Dyskalkulie: So führst du sensible Elterngespräche mit Empathie & Klarheit

    Ein Leitfaden für Lehrpersonen: Gespräche führen mit Feingefühl, Fachlichkeit und dem Blick aufs Kind


    Wenn der Verdacht auf Dyskalkulie im Raum steht, stellt sich auch die Frage nach einer Diagnose. Wenn die Mutter eines Erstklässlers vorsichtig fragt: “Könnte das eine Rechenschwäche sein?”, dann löst das auch in der Lehrperson viele Fragen aus: “Habe ich etwas übersehen? Ist die Mutter nicht total verfrüht mit dieser Vermutung? Wie reagiere ich auf die Frage und wie spreche ich mit den Eltern darüber?”.

    Und natürlich steht die unausweichliche Frage im Raum:

    Aber was passiert eigentlich, wenn die Diagnose dann da ist?

    Ich erlebe immer wieder, dass mit der Diagnose selten die Klarheit entsteht, die man sich erhofft hat – ganz im Gegenteil. Häufig erwachsen aus der Diagnose neue Unsicherheiten, wie mit der vermeintlich neuen Situation umgegangen werden soll.

    Was bedeutet diese Rechenstörung konkret? Was ändert sich eigentlich durch die Diagnose – für das Kind, für die Schule, für die Eltern?

    Damit die Diagnose Klarheit und Erleichterung geben kann, muss der Schritt zum Abklärungsverfahren wohl überlegt und vorbereitet sein. Bevor ich als Sonderpädagogin diesen Schritt empfehle, muss ich mich und alle Betroffenen darum fragen, was wir mit einer Diagnose eigentlich erreichen wollen und können (und was nicht).

    In diesem Artikel nehme ich dich in meinen Kommunikationsprozess mit. Ich teile mit dir, welche Überlegungen wichtig sind, wenn die Frage nach einer Abklärung im Raum steht – und wie ich mit Eltern darüber spreche: ehrlich, feinfühlig und auf Augenhöhe.

    Ist eine Diagnose das Richtige für uns?

    Ein ausführliches Abklärungsverfahren kann ungefähr ab der zweiten Hälfte der zweiten Klasse durchgeführt werden. Dann haben die Kinder die Grundrechenarten erlernt und ein grundlegendes Verständnis für Mengen, Zahlen und das Dezimalsystem erworben.

    Wenn es dann konkret um die Fragestellung rund um die Diagnose geht, ist es wichtig, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen:

    Meistens: nein. Natürlich hängt das von vielen Faktoren ab und ist an jedem Ort (auch innerhalb eines Landes) unterschiedlich.

    Es gibt aber einen bestimmten Grund, warum eine Diagnose für Rechenstörung selten zu zusätzlichen schulischen Ressourcen führt:

    Das doppelte Diskrepanzkriterium der ICD-11

    Klingt kompliziert – ist es auch. Das Kriterium steht schon lange in der Kritik und wurde im DSM-5 in den USA auch abgeschafft – aber das nur am Rande.

    Einfach erklärt: Die Matheleistung muss nicht nur im Vergleich zu der Matheleistung anderer Kinder im gleichen Alter sehr schwach sein. Um die Diagnose einer Rechenstörung zu erhalten, muss die Matheleistung zusätzlich signifikant unter dem liegen, was aufgrund des IQs des betroffenen Kindes zu erwarten wäre.

    Das heißt: Das Kind muss im Vergleich zu seinen eigenen Matheleistungen eine unerwartet hohe Intelligenz aufweisen. In vielen Fällen bedeutet das: Das Kind ist nur in Mathematik betroffen und kommt in den anderen schulischen Fächern ganz gut zurecht. Es bekommt also keine zusätzlichen Ressourcen.

    Trotzdem kann es sinnvoll sein, eine Abklärung zu empfehlen. Dazu aber später mehr.

    Das Wichtigste spielt sich vor der Diagnose ab

    Gerade weil Kinder mit (isolierter) Rechenstörung in anderen Bereichen oft gut mitkommen, werden ihre Schwierigkeiten leicht unterschätzt.

    Umso wichtiger ist es, dass wir früh und bewusst hinschauen – unabhängig davon, ob später eine Diagnose gestellt wird.

    Unsere rechtzeitige Aufmerksamkeit und gezielte Förderung können für diese Kinder den entscheidenden Unterschied machen.

    Die schlechte Aussicht auf zusätzliche schulische Ressourcen bedeutet also nicht, dass wir nicht schon früher über Rechenstörungen sprechen können – im Gegenteil. Früh ein Auge auf Rechenschwierigkeiten zu haben, ermöglicht frühe Förderung – niederschwellig und ohne Diagnose. Im Zeitraum zwischen Vorschule und der zweiten Klasse, sind präventive Fördermaßnahmen besonders wirksam (Fuchs et al., 2010).

    Wie können wir als Lehrpersonen auf diese frühen Hinweise reagieren?

    Besorgte Eltern: das zuverlässigste Frühwarnsystem

    Eltern haben in meiner Erfahrung häufig ein extrem feines Gespür für die mathematischen Unsicherheiten ihres Kindes. Sie bringen ihre Bedenken häufig schon früh in die Elterngespräche mit. Fachlich gesehen erscheinen die Bedenken meistens noch recht verfrüht. Aber Achtung!

    Eltern sind Experten für die emotionale Befindlichkeit ihres Kindes. Sie nehmen hier viel mehr als nur eine fachliche Schwäche wahr. In der Besorgnis schwingt meist mit, dass es dem Kind nicht mehr gleich gut geht wie früher. Und genau das könnte der entscheidende Hinweis auf ein Dyskalkulierisiko sein, denn:

    Das Gespenst besiegen

    Die Eltern sind sehr besorgt. Es geht um ihr Kind und sie sind emotional involviert. Das gilt insbesondere, wenn das Kind bereits einen Leidensdruck hat, den die Eltern spüren. Diese Unsicherheit und Besorgnis führen aber zu negativen Wechselwirkungen zwischen Kind und Eltern. Darum ist mein wichtigstes Ziel im Gespräch die Eltern zu stärken:

    Wenn Eltern das Thema von sich aus angesprochen haben, gehört dazu auch, das Wort Rechenstörung oder Dyskalkulie in den Mund nehmen. Warum?

    Weil es ihnen sonst weiter im Kopf herumgeistert – und ich als Lehrperson keinen Einfluss darauf habe, wie realistisch ihre Vorstellungen dabei sind.

    Also spreche ich offen und direkt über die Diagnose, den möglichen Zeitpunkt, die richtigen Voraussetzungen und was eine Diagnose bedeutet – und was eben auch nicht.

    Das tue ich in der Regel direkt am Anfang – in dem Moment, wo die Eltern es ansprechen. Dann ist das Gespenst besiegt und wir können uns wieder auf den aktuellen Moment konzentrieren.

    Das eigentliche Gespräch

    Jetzt fühlen sich die Eltern ernst- und wahrgenommen. Auf dieser Vertrauensbasis kann ich im eigentlichen Gespräch Sicherheit aufbauen und die Eltern stärken.

    Das gelingt mir meistens durch drei zentrale Elemente:

    1. Fachliche Einordnung – Vertrauensgestaltung

    In dieser ersten Phase, bauen wir bei den Eltern Vertrauen auf, indem wir ihre Sorgen und Gedanken validieren.

    Wir nehmen die Sorgen der Eltern wahr und bestätigen die oft sehr differenzierten Beobachtungen der Eltern. Das ist auch ein guter Moment die Eltern – wenn angebracht – durch wertschätzende Aussagen zu stärken:

    “Sie haben sehr viele wichtige Beobachtungen gemacht.”

    “Danke, dass Sie so offen über die Schwierigkeiten von Name des Kindes mit mir sprechen.”

    “Es ist nicht selbstverständlich, dass Sie sich als Eltern so viele Gedanken darüber machen, wie Sie Ihrem Kind helfen können.”

    Danach ist es aber unabdingbar, dass wir die Wahrnehmung der Eltern durch unsere fachliche Einschätzung ergänzen.

    Die Eltern sollten wirklich verstehen, was ihr Kind kann und woran als nächstes gearbeitet werden soll. Je besser die Eltern das verstehen, desto zielgerichteter können sie zu Hause unterstützen.

    2. Konkrete Förderung sichtbar machen

    Der wichtigste Teil im Gespräch ist es, klarzumachen: Was wird bereits gemacht – und was kann noch folgen?

    Warum ist das so wichtig?

    Je klarer förderliche Maßnahmen in den Köpfen aller Beteiligten präsent sind, desto bewusster und verbindlicher werden die Fördermaßnahmen im Anschluss auch umgesetzt. Ich erlebe oft nach dem Gespräch auch eine Intensivierung der bestehenden Maßnahmen.

    Ganz wichtig: Was für uns Lehrpersonen ganz selbstverständlicher Alltag ist, können sich die Eltern oft gar nicht vorstellen. Die Eltern haben eine ganz andere Schule besucht. Die Lehrperson praktiziert bestimmte Aspekte schon seit Jahren und sieht diese als selbstverständlich, während die Eltern gar nicht wissen, dass solche Maßnahmen und Praktiken in der heutigen Zeit normal sind (oder sein sollten). So werden viele unterstützende Aspekte im Schulalltag unsichtbar – für beide Seiten.

    Darum ist es hier für viele Lehrpersonen eine rechte Herausforderung, auch die selbstverständlichen Maßnahmen sichtbar zu machen – denn diese müssen wir erstmal identifizieren.

    Ich liebe diesen Teil der Vorbereitung, weil ich dabei einmal gezwungen bin hinzuschauen, was wir eigentlich im pädagogischen Team schon alles gut machen!

    Das hilft uns, auch niederschwellige Maßnahmen mit dem richtigen Gewicht sichtbar zu machen.

    Ich unterscheide als Strukturierungshilfe gerne in drei Ebenen der unterstützenden Maßnahmen: Förderung im Klassenverband, individuelle Förderung in kleineren Settings und die Unterstützung zu Hause.

    Um diese Ebenen zu verdeutlichen und diesem Gesprächsteil das nötige Gewicht zu verleihen, verwende ich gerne eine visuelle Unterstützung:

    Die Ebenen sind als Symbole auf Karten dargestellt, denen wir gemeinsam die Maßnahmen zuordnen.

    Du kannst dir die Karten am Ende des Blogartikels herunterladen.

    Maßnahmen im Klassenverband – Der Baum

    Alles, was im normalen Unterricht passiert – von differenzierten Aufträgen, didaktischem Anschauungsmaterial bis zur Sitzplatzwahl. Das ist der Teil, über den wir bereits gesprochen haben.

    Individuelle Förderung – Die Gießkanne

    Alles, was das Kind außerhalb der Klasse bekommt: Einzelförderung oder Kleingruppeninterventionen – etwa mit der Sonderpädagog:in, Therapien etc.

    Festigung zu Hause – Das Haus

    Was die Eltern konkret beitragen (können), ohne dass es zur Überforderung führt. Das kann die Unterstützung bei den Hausaufgaben sein, gemeinsame spielerische Übungen und so weiter.

    Für diese Struktur bringe ich vorbereitete Papierstreifen mit ins Gespräch. Auf jedem Streifen steht eine Massnahme, die wir während des Gesprächs den entsprechenden Bildkarten zuordnen. Neue Ideen und Abmachungen ergänzen wir gemeinsam direkt vor Ort. Am Ende mache ich ein Foto der Übersicht fürs Protokoll.

    3. Weiteres Vorgehen klären – Sicherheit schaffen

    Für ganz viel Sicherheit sorgt das Wissen, wie es konkret nach dem Gespräch weiter geht. Darum besprechen wir explizit immer die folgenden Punkte:

    • Was passiert als Nächstes? Wer macht was?
    • Wann sprechen wir wieder? Wer lädt zum Gespräch ein?
    • Was tun wir, wenn sich etwas verschlechtert?

    Ich lege gern selbst einen Zeitpunkt für ein Folgegespräch fest – signalisiere aber auch: Ihr dürft euch jederzeit melden.

    Wann lohnt sich eine Abklärung wirklich?

    In den wenigen Fällen, in welchen eine Aussicht auf zusätzliche schulische oder außerschulische Ressourcen besteht, ist die Antwort hier klar: Abklären!

    In seltenen Fällen könnte auch ein Nachteilsausgleich relevant werden. Auch in diesem Fall braucht es eine offizielle Diagnose. Für eine Lernzielanpassung benötigt man oft jedoch keine Diagnose. Das kann von Ort zu Ort variieren. Informiere dich über den Unterschied zwischen Nachteilsausgleich und Lernzielanpassung und die Abläufe an deinem Arbeitsort.

    Wie wir gesehen haben, ist das jedoch selten der Fall. Darum gibt es in den meisten Fällen auf diese Frage keine einfache oder klare Antwort. Meines Erachtens ist es auch wichtig hier nicht in “richtig oder falsch” zu denken.

    Es geht um die Prozesse im Hintergrund und die Dynamiken, die insbesondere bei dem Kind entstehen. Diese versuche ich vor meiner Empfehlung sorgfältig abzuwägen. Viele dieser Aspekte bespreche ich auch sehr offen mit den Eltern.

    Folgende Gedanken helfen mir dabei:

    Das Kind erlebt starken Leidensdruck.

    Dieser Aspekt ist der Dreh- und Angelpunkt für den Entscheidungsprozess. Wir haben gesehen, wie hoch das Risiko für psychische Symptome bei Kindern mit Dyskalkulie ist. Darum ist es entscheidend den Leidensdruck nicht zu unterschätzen und stark in die Entscheidungsfindung mit einzubinden.

    Ist das Kind in der Lage zu verstehen: Ich mache nichts falsch, ich darf so sein. Ich bin mit meiner Matheleistung gut genug.

    Die Eltern machen (unbewusst) Druck.

    Insbesondere wenn wir es nicht schaffen den Druck und die Sorge der Eltern zu entschärfen, besteht ein hohes Risiko, dass sie diese an ihr Kind weitergeben. Eine offizielle Diagnose kann für sie ein Aha-Erlebnis sein – und zu mehr Akzeptanz und Geduld führen.

    Ich erlebe oft erhebliche Entlastungen im Familiensystem, wenn die Diagnose gut vorbereitet wurde und im Vorneherein keine falschen Erwartungen an das Abklärungsverfahren geknüpft wurden.

    Auch die Lehrperson braucht Klarheit.

    Das sollte zwar kein Faktor für den Entscheidungsprozess sein, aber auch bei uns Lehrpersonen kann die Diagnose eine mentale Entlastung auslösen. Denn eine Diagnose legitimiert, dass wir dem Kind den regulären Schulstoff wahrscheinlich nicht vollständig vermitteln können.

    Der Bildungsauftrag kann nämlich auch ganz schön belastend sein – insbesondere bei unseren vollen Curricula und den oft erschwerenden Rahmenbedingungen.

    Fazit: Die Empfehlung für eine Abklärung sollte immer gut abgewogen sein – mit Blick auf das ganze System und dem Fokus auf dem Kind.

    Schlüsselgedanken zum Mitnehmen

    • Eltern sind ein zuverlässiges Frühwarnsystem: Ihre Besorgnis ist eine Ressource.
    • Das Ziel in der Kommunikation ist: mit Empathie und Klarheit für mehr Sicherheit und Zuversicht sorgen.
    • Der 3-Schritte Leitfaden gibt dir eine strukturierte und erprobte Gesprächsbasis. Lade ihn dir als Erinnerungshilfe herunter!

    Du musst keine Entscheidung treffen – sondern mit Herz, Struktur und Fachlichkeit begleiten. Du stärkst das Vertrauen der Eltern in ihre eigene Entscheidung für oder gegen eine Diagnose.

    Eine Diagnose ist kein Zauberstab. Aber manchmal schenkt sie Klarheit – im Kopf, im Klassenzimmer und beim Kind:

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    Strukturiere deine nächsten Elterngespräche sicher und souverän – mit konkreten Leitfragen und Gesprächskarten, die dir helfen, auch in heiklen Momenten empathisch und klar zu bleiben.

    Quellenverzeichnis

    Fischbach A, Schuchardt K, Mähler C, Hasselhorn M, (2010): Zeigen Kinder mit schulischen Minderleistungen sozio-emotionale Auffälligkeiten? Z Entwickl Padagogis; 42: 201–10

    Fuchs, L. S., Powell, S. R., Seethaler, P. M., Cirino, P. T., Fletcher, J. M., Fuchs, D. et al. (2010). The effects of strategic counting instruction, with and without deliberate practice, on number combination skill among students with mathematics difficulties. Learning and Individual Differences, 20 (2), 89 – 100. doi: 10.1016/j.lindif.2009.09.003

  • Was ist ein Nachteilsausgleich – und was nicht?

    Was ist ein Nachteilsausgleich – und was nicht?

    Zusammen mit jeder Diagnose flattern auch diverse Empfehlungen ins Lehrerzimmer – leider meist so vage, dass wir als Lehrkräfte keine Ahnung haben, wie wir diese konkret umsetzen sollen. Immer häufiger taucht dabei auch der Hinweis auf einen Nachteilsausgleich auf.

    Eltern knüpfen oft Hoffnungen an dieses Wort, die überhaupt nichts mit einem Nachteilsausgleich zu tun haben: bessere Noten in dem Fach, mit dem ihr Kind schon lange kämpft.

    Doch genau das darf ein Nachteilsausgleich nicht leisten – und hier geraten wir als Lehrpersonen in den Elterngesprächen rund um die Diagnose an eine emotional stark aufgeladene Front.

    Dabei ist es kein Wunder, dass bei Eltern und Lehrkräften Missverständnisse und Unsicherheit auftreten. Denn auch die abklärenden Fachkräfte grenzen den Nachteilsausgleich oft nicht sauber von anderen schulischen Maßnahmen ab.

    Die gute Nachricht:

    Das Konzept des Nachteilsausgleichs ist eigentlich gar keine Hexerei. Ich zeige dir in diesem Artikel, wie du den Nachteilsausgleich klar von anderen schulischen Massnahmen unterscheidest und wie du souverän geeignete Umsetzungsmöglichkeiten für deine Schüler*innen planst.

    Was ist ein Nachteilsausgleich?

    Der Nachteilsausgleich ist eine kompensatorische Maßnahme. Er soll dabei helfen, dass Kinder mit Behinderungen fair beurteilt werden. Sie sollen zeigen, was sie können und dabei nicht durch ihre Beeinträchtigung benachteiligt werden. Um das zu erreichen, werden Prüfungs- und Beurteilungssituationen angepasst. Dabei bleiben die Lernziele und Leistungsanforderungen gleich. Verändert werden nur die Bedingungen, welche zu einer systematischen und behinderungsbedingten Benachteiligung führen würden.

    Wichtig: Der Nachteilsausgleich ist keine Fördermaßnahme.

    Woher kommt das Konzept?

    Die UNO-Behindertenrechtskonvention verlangt, dass Menschen mit Behinderung nicht benachteiligt werden. Die Konvention wurde von der Schweiz, Deutschland und Österreich ratifiziert und muss damit umgesetzt werden. Chancengleichheit ist in der Schule gerade im Zusammenhang mit Behinderung jedoch kaum gegeben. Der Nachteilsausgleich soll den Benachteiligungen Rechnung tragen, die Kinder mit einer Behinderung in der Schule erleben.

    Es geht also um Chancengleichheit. Um gleichberechtigte Teilhabe an Bildung. Allerdings nur in ganz konkreten, leistungsbezogenen Kontexten: nämlich der formellen Beurteilung.

    Für uns als Lehrkräfte bedeutet das:

    Das Kind hat einen rechtlichen Anspruch auf einen Nachteilsausgleich. Dabei gibt es keinen Spielraum durch pädagogisches Ermessen. Darum ist es auch ganz wichtig, diesen gegen andere, pädagogische Maßnahmen sauber abzugrenzen und pädagogische Maßnahmen von rechtlichen Ansprüchen zu trennen.

    Was bedeutet ein Nachteilsausgleich für die Praxis?

    Der Nachteilsausgleich bezieht sich auf die Situation in der Leistungsbeurteilung in der Schule. Er legt fest, wie die Prüfungssituation angepasst werden soll, damit die Leistung des Kindes ohne behinderungsbedingte Benachteiligung gemessen werden kann.

    Fallbeispiel

    Arno besuchte die zweite Klasse, als ich seinen Fall übernahm. Er hatte eine Sehbehinderung und wurde mit zusätzlichen sonderpädagogischen Ressourcen in die Regelklasse integriert. Technisch gesehen hatte er die Lesekompetenz gut erworben.

    Im Kollegium kam immer wieder die Frage auf, wie wir den Nachteilsausgleich konkret in einer Prüfungssituation gestalten sollten.

    Im Fall von Arno ist davon auszugehen, dass er durch seine Sehbehinderung Texte schlechter lesen kann als die anderen Kinder in seiner Klasse. Die Texte müssen also für Arno anders präsentiert werden, damit er diese unter äquivalenten Bedingungen lesen kann. Für ihn sollte die Textgrösse und der Kontrast erhöht werden. Auch Schriftarten können eine Rolle spielen. Dies gilt in erster Linie für Prüfungen zur Lesefähigkeit selbst. Bei Prüfungen in welchen zwar gelesen werden muss, aber die Lesefähigkeit an sich nicht benotet wird, würden wieder andere Möglichkeiten im Vordergrund stehen. Wird zum Beispiel eine Prüfung zu einem Sachthema bearbeitet, könnten Aufgaben oder Texte auch vorgelesen werden (dazu gibt es auch tolle technische Lösungen).

    In den nächsten Kapiteln schauen wir uns an, was für Fehler häufig gemacht werden, wenn es um den Nachteilsausgleich geht. Ich zeige dir am Beispiel von Arno, wie ein Nachteilsausgleich individuell und hilfreich ausgearbeitet werden kann, sodass er wirklich zur Chancengleichheit beiträgt.

    Was ist ein Nachteilsausgleich nicht?

    Ich möchte es also nochmals ganz deutlich sagen:

    Er trägt also nicht dazu bei, dass sich das Kind in einem Bereich verbessert. Er trägt auch nicht dazu bei, dass der Unterricht gezielt verbessert wird, sodass er den besonderen Bedürfnissen des Kindes Rechnung trägt. Der Nachteilsausgleich unterstützt noch nicht einmal die Förderung von individuellen Strategien, mit denen das Kind mit den behinderungsspezifischen Herausforderungen im Alltag besser umzugehen lernt. Aus förderorientierter Sicht spielt der Nachteilsausgleich also eine völlig untergeordnete Rolle.

    Wenn Arno in der Prüfung größere Buchstaben und bessere Kontraste für seine Texte erhält, werden sich weder seine Sehfähigkeit, noch seine Lesefähigkeit verbessern. Er wird dadurch auch nicht lernen mit Tools umzugehen, die Größe und Kontrast für seine Bedürfnisse modifizieren. Es ist also weder Sehtraining, noch Strategieschulung.

    Warum “mehr Zeit” selten ein geeigneter Nachteilsausgleich ist

    Arnos Sehbehinderung ist auch ein tolles Beispiel dafür, warum “mehr Zeit” (der Klassiker unter den Nachteilsausgleichen) oft zwar eine bequeme Lösung ist, aber im Einzelfall häufig viel zu kurz greift.

    Ihm würde mehr Zeit kaum etwas bringen. Mit mehr Zeit würde Arno mit der Nase am Blatt kleben, um zu versuchen, die winzigen Buchstaben zu entziffern. Er könnte den Text vielleicht erlesen, aber seine Augen würden brennen, sein Kopf schmerzen und seine Konzentration wäre vom Leseprozess so stark strapaziert, dass er sich kaum auf den Inhalt oder die erlesene Aufgabe fokussieren könnte.

    Mit “mehr Zeit” kann man also hier definitiv keine fairen und ähnlichen Bedingungen wie bei Kindern ohne Sehbehinderung erzielen.

    Warum Inhalte beim Nachteilsausgleich nicht angepasst werden dürfen

    Ein Nachteilsausgleich heißt:

    Arno muss genau dieselben Lesekompetenzen erwerben wie die anderen Kinder. Er muss Buchstaben und Laute synthetisieren und Leseverständnis auf Wort-, Satz- und Textebene aufbauen. Die Maßnahmen des Nachteilsausgleichs verändern nichts an diesen Lernzielen. Die Texte werden nicht einfacher oder kürzer. Sie werden nur besser sichtbar, sodass Arno damit arbeiten kann, wie das Regelcurriculum es verlangt.

    Sobald die Lernziele verändert werden, braucht es eine Lernzielanpassung. Das ist etwas völlig anderes – dazu später mehr.

    Warum ein Nachteilsausgleich nicht in jedem Fall angezeigt ist

    Darum ist auch nicht für jedes Kind mit Sehbehinderung der Nachteilsausgleich die richtige Wahl.

    Denn Arno kommt mit seiner Sehfähigkeit im Regelcurriculum recht gut zurecht. Bei einem blinden Kind wäre es aber unsinnig das Regelcurriculum mit visuellen Buchstaben-Symbolen beibehalten zu wollen, denn mit dem besten Nachteilsausgleich kann ein blindes Kind die Buchstaben nicht sehen. Hier braucht es andere Maßnahmen. Dazu im nächsten Kapitel noch mehr.

    Daraus folgt auch:

    Dies würde potenziell zu einer Benachteiligung der anderen Kinder führen und so ebenfalls gegen das Prinzip der Chancengleichheit verstoßen.

    Was ist der Unterschied zwischen einem Nachteilsausgleich und einer Lernzielanpassung?

    In meinem Berufsalltag erlebe ich am häufigsten eine Verwechslung zwischen dem Nachteilsausgleich und der Lernzielanpassung.

    Dabei ist es für uns als Lehrkräfte extrem wichtig, diesen Unterschied zu kennen. Sonst laufen wir Gefahr, entweder zu hohe Erwartungen zu wecken, oder das Kind unter seinem Potential zu fördern.

    Ein Kind, welches an anderen Lernzielen arbeitet wird auch eine angepasste Prüfung erhalten. Bei einem Nachteilsausgleich dürfen die Kompetenzansprüche aber nicht verändert werden, wie wir im vorhergegangenen Kapitel gesehen haben.

    Ich habe in der folgenden Tabelle die wichtigsten Unterschiede kurz und bündig erklärt:

    Warum ist der Unterschied zwischen Nachteilsausgleich und Lernzielanpassung wichtig?

    Du profitierst auf drei Ebenen, wenn du diesen Unterschied gut kennst:

    Die Zielsetzung:

    Ein Kind mit Nachteilsausgleich hat reguläre Zielsetzungen, während die Zielsetzung für Kinder mit Lernzielanpassungen individuell gestaltet wird.

    Wenn wir uns darüber nicht im Klaren sind, ob ein Kind an regulären oder individuellen Zielen arbeitet, können wir es nicht adäquat fördern und fordern.

    Die Erwartungen:

    Wenn allen Beteiligten (insbesondere auch den Eltern) klar wird, welche Zielsetzungen das Kind verfolgt und wie die Prüfungssituationen für das Kind aussehen, dann sind auch die Erwartungen an die Leistungen (und Noten) des Kindes realistischer. So entsteht für das Kind weniger Druck und unter den Erwachsenen weniger Missverständnisse.

    Die Ressourcen:

    Die Kräfte der Lehrpersonen sind begrenzt. Wenn wir verstehen, dass sich der Nachteilsausgleich erstmal nur auf Prüfungssituationen bezieht, können wir mit Fokus und wenig Aufwand sicherstellen, dass die Prüfungsbedingungen entsprechend gestaltet werden. Da klar wird, um welchen Teil es geht (nämlich nur die Beurteilungssituationen), können wir auch leichter delegieren.

    Damit wir nicht allein mit der Umsetzung kämpfen, macht es Sinn, die Verantwortung klar im Team zu verteilen:

    So können wir durch die Verteilung von Aufgaben und Verantwortung, uns gegenseitig als Team entlasten.

    Nachteilsausgleich individuell gestalten

    Nachteilsausgleiche sind sehr individuell. Nicht jeder Nachteilsausgleich sieht gleich aus, selbst wenn er aus derselben Diagnose heraus entsteht.

    Wenn ein Nachteilsausgleich also nicht individuell an das Kind angepasst wird, nützt er dem Kind nichts. Im Gegenteil. Wie wir am Beispiel von “mehr Zeit” für Arno gesehen haben, kann es schnell passieren, dass die Erwartungen an das Kind und dessen Leistungen wachsen, während der Nachteilsausgleich nur augenscheinlich dazu beiträgt, dass das Kind seine Kompetenzen auch zeigen kann.

    Mit dem folgenden Tipp kannst du den Nachteilsausgleich für deine Schüler:innen sofort überprüfen:

    Die richtige Frage stellen

    In meiner Praxis stelle ich zwei Fragen, die mir helfen Klarheit über Sinn und Unsinn bei Nachteilsausgleichen zu schaffen:

    Wenn wir eine Lernzielüberprüfung planen, haben wir uns diese Frage schon gestellt. Darum ist sie leicht zu beantworten. Das führt aber gleichzeitig dazu, dass wir sie leicht übersehen. Wir denken, wir haben es schon klar definiert und beschäftigen uns dann nicht mehr ausreichend damit, wenn es um den Nachteilsausgleich geht.

    Nehmen wir wieder das Beispiel von Arno. Das Leseverständnis auf Satzebene soll geprüft werden. Wir haben eine Prüfung erstellt, in welcher unterschiedlich schwierige Sätze verschiedenen Bildern zugeordnet werden sollen.

    Was teste ich? Das Leseverständnis auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen.

    Völlig klar. Wenn das Kind die Sätze korrekt verbinden kann, hat es vermutlich den Inhalt verstanden.

    Nun kommt die zweite Frage ins Spiel:

    Wenn ich Arno diese Prüfung vorlege, so wird er Mühe haben die Sätze zu lesen und die Bilder zu erkennen. Ich teste bei ihm in diesem Moment aber nicht – wie geplant – das Leseverständnis. Ich teste sein Sehvermögen.

    Darum mache ich mir Gedanken über die Prüfungsbedingungen: Ist die Schrift gross genug um zu Lesen und das Bild klar, um es zu erkennen? Denn wenn Arno bei einem regulären Arbeitsblatt Fehler macht, sagen diese mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr über seine Sehfähigkeit aus, als über sein Leseverständnis.

    Nachteilsausgleich individuell umsetzen

    Und genau da setzt nun der Nachteilsausgleich an. Wir verändern die Prüfungsbedingungen nun so, dass wir auch bei Arno die Kompetenzen überprüfen können, welche bei allen anderen Kindern der Klasse auch überprüft werden (auf dem gleichen Niveau).

    Konkrete Umsetzungsvorschläge (individuell wählen!)

    • Die gleichen Sätze und Bilder werden grösser und mit höherem Kontrast gedruckt
    • Bilder können bei Bedarf mündlich erläutert werden (hier wären auch Hilfsmittel wie Audiostifte oder eine KI, welche das Bild beschreibt denkbar)
    • Einfache Vergrößerungshilfen: Lupe, Brille etc.
    • Individuelle technische Hilfsmittel: Tablets etc.
      • Arno hatte ein von der IV gestelltes Tablet
      • Arbeitsblatt wird mit Tablet eingelesen und passt automatisch Größe und Kontrast von Text und Bildern auf Arnos Sehbehinderung an
      • Prüfungen können in diesem Fall sogar per Mail abgegeben werden, da Arno direkt am Tablet arbeitet
    • Lichtverhältnisse bei der Sitzplatzwahl prüfen:
      • nicht zu dunkel
      • aber auch nicht im direkten Sonnenlicht
      • = ausgewogene, klare Lichtverhältnisse
      • Tipp: Sitzplan inkl. Lage der Fenster mit Fachperson besprechen (z. B. beim Abklärungsgespräch) und mögliche Sitzplätze für das Kind durchsprechen

    Wichtig ist: Es ist immer individuell zu beurteilen, welche Massnahmen im Einzelfall dazu beitragen, dass das Kind seine tatsächlichen Fähigkeiten zeigen kann – und zwar möglichst barrierefrei.

    Empfehlungen für den schriftlichen Nachteilsausgleich

    Ich versuche jeweils nicht mehr als zwei bis drei Punkte konkret in das offizielle Vertragspapier zu nehmen. So bewahren wir den Überblick und die jährliche Überprüfung kann rasch und effizient geschehen.

    Als Lehrkraft denke ich ausserdem immer daran, dass es mir jederzeit frei steht, Prüfungssituationen individuell zu gestalten.

    Was dort steht ist für mich verbindlich. Darüber hinaus kann ich aber bei Bedarf zusätzliche Maßnahmen ergreifen.

    In meiner Praxis setze ich auf der Primarstufe selten ein separates Dokument für den Nachteilsausgleich auf. Nachteilsausgleichende Massnahmen werden im Schulischen Standortgespräch (SSG) mit allen Beteiligten besprochen und explizit im Protokoll festgehalten.

    Im Hinblick auf die Berufslehre oder das Studium ist ein offizielles Dokument aber sehr wichtig.

    Auf dem Weg zu echter Bildungsgerechtigkeit

    Zum Schluss möchte ich dir noch Mut machen. Du möchtest, dass deine Schüler:innen gute Chancen im Leben haben. Dabei stößt du vermutlich – so wie ich auch immer wieder – auf die Realität, dass wir noch viele Meilen von echter Bildungsgerechtigkeit entfernt sind.

    Gut umgesetzte Nachteilsausgleiche sind ein winziger Baustein von Bildungsgerechtigkeit. Ein Nachteilsausgleich schafft noch keine umfassende Chancengleichheit. Von dieser Realität lassen wir uns aber nicht entmutigen und gehen einen Schritt nach den anderen. Mit kleinen Veränderungen bauen wir Stück für Stück ein starkes Fundament für eine inklusivere Schule und Gesellschaft.

    Danke für deine wertvolle Arbeit! Dein Engagement für die Kinder in deiner Klasse bewegt etwas. Es macht den Unterschied für viele Kinder.

    Weitere Fallbeispiele im Kurzüberblick

    In diesem Artikel haben wir die Grundlagen des Nachteilsausgleichs am Beispiel von Arno mit Sehbehinderung kennengelernt. Ich plane weitere Praxisbeispiele zu möglichen Umsetzungen bei verschiedenen Schwerpunkten. Hier eine Übersicht:

    Nachteilsausgleich bei…

    Für welche Beeinträchtigung wünschst du dir eine konkrete Umsetzungshilfe oder ein Fallbeispiel?

    Schreib es mir in die Kommentare – ich plane weitere Artikel dazu!

    Schlüsselgedanken zum Mitnehmen

    • Ein Kind mit Nachteilsausgleich arbeitet in diesem Bereich am Regelcurriculum. Eine Lernzielanpassung ist bei Nachteilsausgleich ausgeschlossen.
    • Der Nachteilsausgleich kompensiert, leistet aber keinen Beitrag zur pädagogischen Förderung.
    • Nutze die Leitfragen: Was soll geprüft werden und wird das beim betroffenen Kind auch wirklich geprüft?

  • Warum ich meine Planung nie perfektioniert habe – und wie mich das zu einer besseren Lehrerin gemacht hat (inkl. gratis Lehrerplaner)

    Warum ich meine Planung nie perfektioniert habe – und wie mich das zu einer besseren Lehrerin gemacht hat (inkl. gratis Lehrerplaner)

    Eigentlich mag ich es strukturiert und klar. Aber ganz ehrlich? Im tiefsten Inneren bin ich eine kreative Chaotin.

    Wenn ich meinen Kolleginnen beim Unterrichten zusehe oder sie über ihre Unterrichtsplanung sprechen höre, dann bin ich immer heimlich ein wenig neidisch. Wie schaffen die das, so gut organisiert zu sein? Genau zu wissen, wann sie was machen und dann auch noch gleich wie?

    Und ich spreche hier nicht von Lehrkräften, die einfach jedes Jahr genau dasselbe machen oder die Seiten des Lehrbuches stupide abarbeiten. Nein – einige Lehrkräfte in meinem Umfeld sind echte Planungs- und Organisationsgenies.

    Ich nicht.

    Bei mir ist es auch mal chaotisch. Ideen habe ich viel zu viele und ich mag es gerne kreativ, spielerisch und vielfältig. Da fehlt manchmal Struktur.

    Ich dachte immer, ich müsste einfach nur meinen Weg finden, um für mich perfekt zu planen. Meine Methode, mit der es dann funktioniert. Immer.

    Ich habe jahrelang gesucht, angepasst, ausprobiert. Vieles hat kurz funktioniert – und ist dann wieder auseinandergefallen.

    Mensch hat mich das gestresst. Es kann doch nicht so schwer sein, Unterricht strukturiert und nachhaltig zu planen?

    Irgendwie konnte ich meinem eigenen Anspruch solide, nachhaltig, effizient und vor allem immer gleich zu planen nicht gerecht werden. Egal was ich alles probiert habe.

    Die Erkenntnis, die alles verändert hat

    Ich stand ständig unter Druck – bis ich begriff: Mein Chaos ist keine Schwäche. Es ist Teil der Lösung.

    Warum? Weil ich möchte, dass meine Planung mehr ist als nur der Plan, wann was gemacht wird. Meine Planung soll sich weiterentwickeln wie mein Unterricht, meine Kompetenzen und meine Persönlichkeit. Oder noch besser: Was, wenn meine Planung zum Tool für Entwicklung wird?

    Sobald ich Planung als Teil meiner Entwicklung zu verstehen begann, habe ich aufgehört mit der fehlenden Struktur zu hadern.

    Klingt ja toll, aber ist das nicht etwas idealistisch?

    Planung als Entwicklungstool

    Für mich ist diese Erkenntnis weit mehr als Idealismus. Endlich darf ich meinen chaotischen Planungsstil, die vielen Veränderungen, das ewige Ausprobieren als Stärke wahrnehmen und einsetzen. Ich ringe nicht mehr mit meiner Planung, um sie zu optimieren, sondern bin dankbar, dass ich flexibel sein darf und damit gut zurechtkomme, dass es eben nicht immer gleich ist.

    Aber vielleicht klingt das alles noch zu abstrakt.

    Lass mich ein Beispiel machen:

    Ich bin schon immer gut im Reden gewesen. Dafür fällt mir das Zuhören manchmal schwer. Das wollte ich verbessern. Also habe ich mir ein paar Fragetechniken angeeignet, die mein Gegenüber einladen, Gedanken zu teilen und gemeinsam zu reflektieren. Ich habe in meinem Planer eine kleine Fragen-Rubrik eingeführt. Vor jeder Besprechung notiere ich mir passende Fragen – und übe so aktives Zuhören ganz gezielt. Und siehe da, ich bin im Zuhören schon so viel besser geworden.

    Besprechungsnotizen zur Vorbereitung auf anstehende Besprechungen mit Kolleg:innen. Reflexionsfragen haben unten rechts ihren eigenen Platz.
    Reflexionsfragen haben einen festen Platz in meinen Besprechungen.

    Werde ich für immer eine Fragenrubrik in meinem Besprechungsprotokoll beibehalten? Ich glaube nicht (oder vielleicht doch?). Aber für den Moment hat mich das so viel weitergebracht und für eine Weile habe ich wirklich jede Besprechung kurz vorbereitet. Das mache ich jetzt nicht mehr regelmäßig, sondern nur noch bei ausgesuchten Besprechungen.

    Planung verändert sich bei mir also laufend – und mit der Planung ich selbst.

    Digitale Planung: eine Option für mich?

    Die Suche nach Tools und anderen Planungsvarianten ging also weiter und ich habe mich gefragt:

    Da bleibt alles veränderbar und flexibel, man hat immer alles dabei… Ich war mir echt unsicher, ob ich mit so einem großen Schritt zurechtkommen würde. Ich suchte nach digitalen Planern – aber die meisten waren ziemlich teuer. Und ich dachte: Was, wenn’s gar nicht zu mir passt?

    Also habe ich mir einfach meinen eigenen Planer gebastelt.

    Ich habe Vorlagen für One Note kreiert und einfach mal gemacht. Und es hat super geklappt. Meinen eigenen Planer habe ich dann genauso flexibel weiterentwickelt wie bislang meine analoge Planung.

    Inzwischen arbeiten über 1000 Lehrkräfte mit meinem Planer – was für mich unglaublich ist. Und ich aktualisiere den Planer jedes Jahr für meine Community.

    Für dich:

    Der Lehrerplaner 2025/26 – kostenlos

    Vielleicht geht es dir so wie mir: Du liebäugelst schon eine Weile damit mal digital zu planen. Aber du möchtest es ganz ohne Druck und Verpflichtung ausprobieren.

    Wenn du auch Lust hast, deinen eigenen Weg in die digitale Planung zu finden – ganz ohne Verpflichtung –, dann trag dich hier in meinen Newsletter ein. Ich schicke dir einen Gutscheincode zu (bis Ende August 2025 einlösbar).

    So sieht der Planer aus

    Den Planer gibt es sowohl als interaktive PDF als auch als PNG-Dateien. So kannst du ihn so flexibel nutzen wie du willst. Das PDF eignet sich für Tools wie GoodNotes, DrawBoard PDF oder Adobe. Die PNG-Dateien können genutzt werden, um sich in OneNote einen eigenen Planer zu bauen.

    Wochenplanung im kostenlosen digitalen Planungstool für Lehrkräfte
    Wochenübersicht für jede Woche des Jahres
    Stundenplan im gratis Lehrerplaner für Lehrpersonen
    Stundenplan (mehrere Pläne möglich)

    Für jede Woche des Jahres steht im Kalender eine Planungsseite zu Verfügung. Zusätzlich ist Platz für Notizen und To-Do-Listen. Im interaktiven PDF kann mit einem Klick zwischen den einzelnen Wochen navigiert werden. Für noch schnellere Navigation, kann an der Seite der gewünschte Monat angewählt werden.

    Es stehen vier Stundenplanseiten zu Verfügung. So haben Lehrkräfte, die in mehreren Klassen arbeiten (z. B. Sonderpädagog:innen, DaZ-Lehrkräfte oder Fachlehrer:innen), weitere relevante Stundenpläne immer direkt zur Hand.

    Die Listennavigation hilft dir, alle deine Listen schnell zu finden.
    Listen – Übersicht für schnelle Navigation
    Schülernotizen helfen dir Beobachtungen nicht zu vergessen und wichtige Themen für die Elterngespräche schnell und unkompliziert festzuhalten.
    Verlinkte Notizseiten für jedes Kind

    Listen sind extrem wichtige Tools im Unterrichtsalltag. Der Planer bietet Listen für die Klasse, Fehltage, Noten und für den individuellen Gebrauch.

    In der Klassenliste gibt es Verlinkungen bei jedem Kind, welche zu einer separaten Notizseite führt. Dort können Beobachtungen, Ziele sowie Notizen für das Elterngespräch eingetragen werden.

    Auf der Jahresübersicht können Feiertage, Ferien und andere besondere Anlässe auf den Tag genau eingetragen werden.
    Jahresübersicht
    Stoffverteilungspläne: Hier stehen alle Wochen des Schuljahres auf einer einzigen Seite.
    Stoffverteilungspläne

    Für die Planung steht eine große Jahresübersicht zu Verfügung. Hier können Ferien, Feiertage und besondere Anlässe eingetragen werden.

    Um den Überblick zu bewahren, kannst du die Stoffverteilungspläne nutzen. Hier stehen alle Wochen des Jahres auf einer einzigen Seite im Überblick. Du trägst die Themen ein und siehst auf einen Blick, was wann drankommt.

    Und das Beste:

    Für meine Newsletter Community ist der digitale Lehrerkalender kostenlos

    Schlüsselgedanken zum Mitnehmen

    • Planung soll dich nicht stressen, sondern dich unterstützen.
    • Planung darf sich verändern. Du steuerst die Veränderung so, dass sie deine Entwicklung gezielt fördert.
    • Digitale Planungstools müssen nicht teuer sein – ich schenke dir meins ❤️

    Ich weiß, wie frustrierend es sein kann, sich durch Planungsmethoden zu wühlen – und wie erleichternd es ist, wenn endlich etwas passt.

    Ob er zu dir passt, musst du selbst herausfinden. Es würde mich unglaublich freuen, wenn er dir genauso hilft wie mir.

    Und wenn du den Planer ausprobierst, erzähl mir gerne, wie du ihn nutzt. Ich freue mich riesig über Rückmeldungen!

    Sie helfen mir dabei, den Planer im nächsten Schuljahr noch genauer auf die Bedürfnisse der Community abzustimmen. Ich arbeite jedes Jahr die häufigsten Wünsche ein.

  • Dyskalkulie Glossar

    Dyskalkulie Glossar

    Dieses Glossar erklärt zentrale Begriffe aus meinen Blogartikeln rund um Dyskalkulie. Es hilft dir, wichtige Konzepte schnell nachzuschlagen – egal ob du gerade einen Artikel liest oder später etwas nachschlagen möchtest.

    Für wen ist das Glossar gedacht?

    Es richtet sich vor allem an Lehrpersonen, die heterogene Lerngruppen unterrichten und bei einem Kind den Verdacht auf Dyskalkulie haben, oder ein Kind mit Rechenstörung in ihre Klasse integrieren.

    So nutzt du das Glossar:

    Dieses Glossar ist dein Wegweiser durch die zentralen Begriffe rund um Dyskalkulie. Lies es komplett durch oder such dir gezielt die Begriffe heraus, bei denen du unsicher bist – du wirst ihnen in meinen Blogartikeln immer wieder begegnen.

    Wenn du dich intensiv mit dem Thema Dyskalkulie auseinandersetzen möchtest, lege ich dir meine Themenwoche Dyskalkulie ans Herz. Du kannst dich dafür ganz einfach anmelden und ich schicke dir eine Woche lang Hintergrundwissen, Inputs und Tipps.

    Dyskalkulie A–Z der Begriffe

    20er-Feld

    Das 20er-Feld ist ein strukturiertes Punktefeld (meist 2 Reihen à 10 Punkte), das Kindern hilft, Mengen visuell zu erfassen und das Dezimalsystem zu verstehen. Besonders hilfreich zur Förderung der quasi-simultanen Mengenerfassung.

    Die Punktefelder gibt es auch als 10er- und 100er-Felder. In meinen Materialien biete ich außerdem gerne ein 30er-Feld an, um die Zahlenraumerweiterung von 20 auf 100 zu erleichtern.

    Abklärung / Abklärungsverfahren

    Ein Abklärungsverfahren dient dazu festzustellen, ob bei einem Kind eine spezifische Lernstörung – wie z. B. eine Rechenstörung – vorliegt. Abklärungen werden meist von schulpsychologischen Diensten oder spezialisierten Fachstellen durchgeführt. Sie beinhalten Tests, Gespräche und Beobachtungen und sollten gut vorbereitet und sinnvoll eingebettet sein.

    Abklärungen sind häufig entscheidend dafür, ob ein Kind in der Schule zusätzliche Ressourcen erhält. Je nach Diagnose stehen die Chancen dafür besser oder schlechter.

    Worauf du fachlich und menschlich achten solltest, bevor du Eltern eine Abklärung empfiehlst erfährst du im Artikel „Verdacht auf Dyskalkulie – so führst du Elterngespräche mit Klarheit und Empathie„.

    Anzahlerfassung

    Anzahlerfassung ist ein Oberbegriff für die Fähigkeit, eine gezeigte Menge zu erkennen – entweder auf einen Blick oder durch strukturierte Wahrnehmung.

    Es wird dabei zwischen simultaner Anzahlerfassung und quasi-simultaner Anzahlerfassung unterschieden.

    Diagnose (bei Dyskalkulie)

    Mit einer Diagnose wird die Rechenstörung formal festgestellt. Dies geschieht durch qualifizierte Fachpersonen – meist im Rahmen eines standardisierten Abklärungsverfahrens.

    Eine Diagnose allein führt nicht automatisch zu schulischen Fördermaßnahmen. Trotzdem kann sie auf verschiedene Weise entlastend wirken.

    Es ist wichtig vorgängig verschiedene, systemische Aspekte der Diagnose zu bedenken und im Gespräch mit den Eltern transparent zu kommunizieren.

    Dienes-Material

    Das Dienes-Material ist ein sehr beliebtes und weit verbreitetes mathematisches Anschauungsmaterial, das Stellenwerte durch Würfel (Einer), Stäbchen (Zehner) und Platten (Hunderter) sichtbar macht. Es wird häufig in der Grundschule eingesetzt, um Zahlverständnis und Dezimalsystem handelnd zu fördern.

    Doppeltes Diskrepanzkriterium

    Das doppelte Diskrepanzkriterium ist ein Diagnosekriterium für Lernstörungen gemäß ICD-11: Es verlangt, dass die schulische Leistung (z. B. in Mathematik) deutlich schlechter ist als der allgemeine Altersdurchschnitt und deutlich unter dem liegt, was aufgrund der Intelligenz des Kindes zu erwarten wäre.

    Dieses Kriterium erschwert die Diagnose von Dyskalkulie, wenn das Kind trotz Rechenschwäche in anderen Bereichen gute Leistungen zeigt.

    Das doppelte Diskrepanzkriterium ist leider häufig der Grund, warum Kinder trotz Diagnose keine zusätzliche schulische Unterstützung erhalten.

    Dyskalkulie

    Eigentlich ist der korrekte Begriff “Rechenstörung”. Allerdings hält sich der ältere Begriff “Dyskalkulie”, sodass ihn selbst Fachpersonen gerne nutzen. Es handelt sich dabei um eine anerkannte Lernstörung im mathematischen Bereich. Kinder mit Dyskalkulie haben anhaltende Schwierigkeiten beim Verstehen von Zahlen, Mengen und Rechenoperationen – trotz normaler Intelligenz und angemessenem Unterricht.

    Wenn du mehr rund ums Thema Dyskalkulie erfahren möchtest, kann ich dir meine “Themenwoche Dyskalkulie” wärmstens ans Herz legen. Ich schicke dir eine Woche lang täglich Hintergrundwissen, Tipps und Impulse rund um das komplexe Thema.

    EIS-Prinzip

    Ein didaktisches Modell, das besagt, dass mathematisches Lernen idealerweise über drei Ebenen verläuft:

    • Enaktiv (handelnd),
    • Ikonisch (bildlich),
    • Symbolisch (mit Zahlen und Zeichen).

    Kinder mit Dyskalkulie haben häufig Schwierigkeiten mit dem Transfer zwischen den Repräsentationsmodi.

    Enaktive Modalität

    Unter der enaktiven Modalität verstehen wir den handelnden Zugang zu Mathematik, z. B. mit Würfeln, Stäbchen oder Fingerbildern. Dieser Zugang wird häufig als Einstiegsmodalität in neue Themen gewählt.

    Flexibles Zählen

    Das flexible Zählen ist wie eine Brücke zwischen reinem (Ab-)Zählen und echtem Mengenverständnis. Das Kind kann z. B. von einer beliebigen Startzahl weiterzählen (statt bei 0 oder 1 zu beginnen) und in Schritten (z. B. 2er, 5er und 10er Schritte) vor- und rückwärts zählen.

    Flexibles Zählen eignet sich als Fördermaßnahme besonders gut, wenn sich ungünstige Zählstrategien verfestigen.

    Ikonische Modalität

    Die ikonische Modalität ist die bildliche Darstellung mathematischer Inhalte. Dazu zählen z. B. Punktefelder, Würfelbilder oder die farbliche Markierung von Stellenwerten.

    Intermodalitätsprobleme

    Unter Intermodalitätsproblemen verstehen wir die Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen verschiedenen Darstellungsformen mathematischer Inhalte (z. B. vom Handeln zum Bild oder vom Bild zur symbolischen Aufgabe).

    Schwierigkeiten bei dieser Transferleistung sind ein typisches Merkmal bei Kindern mit Rechenschwierigkeiten.

    Leidensdruck

    Diesen Begriff höre ich in der Schule immer häufiger. Ursprünglich stammt der Begriff aus der psychologischen Diagnostik: Leidensdruck bezeichnet das Maß, in dem ein Kind selbst oder sein Umfeld unter einer Schwierigkeit leidet.

    Ein hoher Leidensdruck – z. B. durch Ängste oder Selbstzweifel im Umgang mit Mathematik – kann ein wichtiger Hinweis auf den Förderbedarf sein, auch wenn (noch) keine Diagnose gestellt wurde.

    Mengenerfassung

    Unter Mengenerfassung verstehen wir die Fähigkeit, Mengen auf einen Blick oder durch kurze Betrachtung zu erkennen – ohne zu zählen. Eine wichtige Grundlage für Zahlverständnis und frühe Rechenstrategien.

    Dieser Begriff wird häufig synonym zur Anzahlerfassung verwendet.

    Nachteilsausgleich

    Der Nachteilsausgleich ist eine kompensatorische Maßnahme. Sie soll Kindern mit besonderen Bedürfnissen in Prüfungssituationen ähnliche Bedingungen schaffen, wie für andere Kinder. Ein Nachteilsausgleich sorgt also dafür, dass die Behinderung eines Kindes während der Prüfung keine Rolle spielt und das Kind zeigen kann, was es gelernt hat.

    Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie

    Der Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie ist ein Sonderfall unter den Nachteilsausgleichen.

    Mathematik ist selten eine Barriere für andere Fächer. Darum gibt es in diesen anderen Bereichen meist keinen Nachteilsausgleich sondern eine Lernzielanpassung für Mathematik selbst.

    Prävention / Präventive Förderung

    Maßnahmen zur frühen Unterstützung von Kindern mit ersten Anzeichen einer Rechenschwäche – in der Regel noch vor einer offiziellen Diagnose – werden als präventive Maßnahmen bezeichnet.

    Ziel ist es, Schwierigkeiten möglichst früh zu erkennen und durch gezielte Förderung zu verringern oder zu vermeiden. Besonders wirksam sind präventive Maßnahmen im Vorschulalter und in den ersten beiden Schuljahren.

    Quasi-simultane Anzahlerfassung

    Bei der quasi-simultanen Anzahlerfassung werden strukturierte Mengen (z. B. auf dem 10er- oder 20er-Feld) erkannt, indem das Kind Teilmengen visuell erfasst und daraus auf die Gesamtmenge schließt.

    Ich erarbeite die quasi-simultane Anzahlerfassung in der ersten Klasse am liebsten mit dem 20er-Feld.

    Simultane Anzahlerfassung

    Unter simultaner Anzahlerfassung versteht man das spontane Erkennen kleiner unstrukturierter Mengen (meist bis vier) auf einen Blick – ohne Zählen. Die simultane Anzahlerfassung ist essenziell für ein natürliches Mengenverständnis.

    Symbolische Modalität

    Die symbolische Modalität ist die Darstellung von Mathematik durch Zeichen, Ziffern und Rechenzeichen (z. B. 11 + 23 = ___). Dieser Repräsentationsmodus ist die höchste Abstraktionsebene im EIS-Modell.

    Um das Verständnis für diese abstrakte Form zu fördern, lohnt es sich, auch andere Repräsentationsmodi in die Didaktik mit einzubeziehen.

    Zählstrategie

    Mit der Zählstrategie gelangt das Kind durch Abzählen zur Lösung – oft in Kombination mit den Fingern. Viele Kinder mit Dyskalkulie nutzen diese Strategie übermäßig lange und unflexibel, da sie wenig alternative Zugänge haben.

    Zahlzerlegung

    Das Zerlegen von Zahlen ist eine Grundfertigkeit im Zahlenraum bis 10 (später bis 20), bei der eine Zahl in verschiedene Summanden zerlegt wird – z. B. 7 = 3 + 4 oder 2 + 5. Zahlzerlegungen bilden die Grundlage für das Verständnis von Plus- und Minus-Aufgaben.

    Da fehlt noch was?

    Wenn du einen Begriff vermisst oder eine Rückfrage hast, freue ich mich über deinen Kommentar unter diesem Beitrag.

    Schön, dass du hier bist 💛

  • Handelnd rechnen? – Warum Anschauungsmaterial dem Kind mit Dyskalkulie nicht weiterhilft (und was du dagegen tun kannst)

    Handelnd rechnen? – Warum Anschauungsmaterial dem Kind mit Dyskalkulie nicht weiterhilft (und was du dagegen tun kannst)

    Elina steht schon wieder mit dem Heft vorne am Pult: “Ich check das nicht!” sagt sie und zeigt auf die erste Aufgabe. Die haben wir doch gerade ausführlich im Sitzkreis mit dem Dienes-Material gelegt. Ich werfe einen Blick auf den kleinen weißen Tisch: Das Material liegt noch dort. Ein Blick in die Klasse: Drei Kinder melden sich und brauchen mich.

    “Weißt du was? Diese Aufgabe liegt noch auf dem Tisch. Schau dir das doch nochmal an, dann findest du das Ergebnis selber heraus”, sage ich zu Elina.
    Sie setzt sich an den Tisch und beginnt mit dem Material zu hantieren, während ich mich um die anderen Kinder in der Klasse kümmere. Jemand muss noch auf’s Klo, ein Kind bekommt spontan Nasenbluten und dann klingelt es zur großen Pause.

    Ich will gerade ins Lehrerzimmer, um mir den wohlverdienten Kaffee zu kochen, als mein Blick auf Elinas Heft fällt, welches sie neben dem Material auf dem Tisch liegen gelassen hat. Die Aufgabe ist noch immer nicht gelöst. Mit dem Material hat Elina die Rechnung 11+ 23 gelegt. Das Ergebnis ist richtig zusammengelegt. Aber die Lösung steht nicht im Heft…

    Was ist da los?

    Das fehlende Puzzleteil

    Situationen wie die mit Elina erlebe ich besonders häufig bei Kindern mit Dyskalkulie. Vielleicht hast du das auch schon selbst erlebt:

    Wir arbeiten mit ganz viel Anschauungsmaterial und lösen Aufgaben immer und immer wieder handelnd. Das Kind versteht das Prinzip, doch sobald es alleine im Heft arbeiten soll, stößt es wieder an dieselben Grenzen.

    Aber warum ist das so?

    Handelndes Rechnen ist doch so wichtig und richtig (de Vries, 2018) – das haben wir alle so gelernt, oder?
    Ja, du machst alles richtig!
    Dir fehlt nur noch ein kleines Puzzleteil um deine Schüler*innen trotz Rechenschwäche erfolgreich zu fördern.

    Die Antwort darauf liegt in einem Phänomen, welches leider viel zu häufig übersehen wird – ein Phänomen, welches wir jedoch bei Kindern mit Rechenstörungen sehr häufig beobachten (Rottmann & Schipper, 2002):

    Puh – ein ganz schön großes Wort. Keine Sorge, es ist nicht so kompliziert wie es klingt, und wahrscheinlich bist du mit den Grundlagen schon vertraut.

    Ich werde dir in diesem Artikel den theoretischen Hintergrund zu dieser wichtigen Thematik zusammenfassen. Am Ende dieses Artikels wirst du genau verstehen:

    • was es mit den drei Modalitäten von mathematischen Darstellungen auf sich hat,
    • warum Anschauungsmaterial Kindern mit Dyskalkulie manchmal einfach nicht zu helfen scheint und
    • wie du daraus die richtige Förderung für das betroffene Kind entwickelst.

    Die drei Modalitäten von mathematischen Darstellungen

    Mathematische Sachverhalte lassen sich in drei verschiedenen Modalitäten darstellen: Enaktiv, ikonisch und symbolisch. Wir sprechen dabei auch von Repräsentationsmodi. Idealerweise wird im Mathematikunterricht jede dieser Modalitäten gleichermaßen verwendet und bearbeitet.

    Dieses didaktische Prinzip der drei Repräsentationsmodi ist auch als EIS-Prinzip (E – enaktiv; I – ikonisch; S – symbolisch) bekannt und wahrscheinlich hast du davon auch schon gehört. Die meisten Lehrpersonen, die ich aus der Praxis kenne, achten darauf diese Ebenen in ihrem Unterricht zu berücksichtigen.

    Enaktiv – Mathematisches Handeln mit Material

    Die enaktive Modalität bezeichnet das handelnde Erfassen mathematischer Inhalte. Dabei setzen Kinder ihre Hände ein, um mit konkretem Material Mengen zu legen, zu strukturieren oder zu verändern: Learning by Doing!

    Bleiben wir bei unserem Beispiel: Elina verwendet das Dienes-Material, um die Aufgabe 11 + 23 zu legen. Sie nimmt ein Zehnerstäbchen und einen Einerwürfel (11), dann zwei Zehnerstäbchen und drei Einerwürfel (23) und legt alles zusammen – sichtbar liegt die Zahl 34 vor ihr.

    Materialien wie das Dienes-Material, Abaco, Muggelsteine oder Finger zählen zur enaktiven Ebene – vorausgesetzt, das Kind handelt aktiv damit.

    Ikonisch – Visuelle Vorstellungen und Bilder

    Auf der ikonischen Ebene stellen wir mathematische Sachverhalte bildlich dar. Hier arbeitet das Kind nicht mehr handelnd, sondern verarbeitet visuelle Reize.

    Ein Beispiel ist ein Abbild des Dienes-Materials im Heft oder ein 20er-Feld mit eingezeichneten Plättchen. Auch schematische Darstellungen auf Arbeitsblättern – z. B. Würfelbilder, Punktefelder oder die farbliche Darstellung der Stellenwerte – zählen hierzu.

    In Elinas Fall war im Heft die Aufgabe mit gezeichneten Stäbchen und Würfeln abgebildet – sie musste das Bild interpretieren, aber nicht mehr selbst handeln.

    Symbolisch – Rechnen mit Zeichen

    Die symbolische Modalität ist die abstrakteste Form der Darstellung. Hier werden mathematische Inhalte ausschließlich mit Ziffern, Zeichen und Formeln dargestellt.

    In unserem Beispiel mit Elina war die Rechnung neben der ikonischen Darstellung des Dienes-Materials auch symbolisch dargestellt: 11 + 23 = ___.

    Intermodalitätsprobleme – Der Stolperstein für Kinder mit Dyskalkulie

    Elina hat die Aufgabe korrekt gelegt – das zeigt: Sie hat das Prinzip auf enaktiver Ebene verstanden. Auch die ikonische Darstellung im Heft war gab ihr eine Hilfestellung. Die Rechnung war zusätzlich dann noch symbolisch dargestellt.

    Sie musste auf dieser Ebene nur noch das Ergebnis eintragen, welches sie bereits auf enaktiver und ikonischer Ebene bearbeitet hatte.

    Alle drei Ebenen wurden abgedeckt – und trotzdem kam es zu keinem Transfer. Warum?

    Hier zeigt sich das eigentliche Problem – eines, das bei Kindern mit Dyskalkulie besonders häufig auftritt:

    Dieses Phänomen nennen wir Intermodalitätsprobleme.

    Für uns als geübte Rechner ist der Zusammenhang zwischen der Handlung und dem Bild im Heft völlig selbstverständlich. Auch die Verbindung zwischen dem Bild und der symbolischen Rechnung versteht sich von selbst. Ein Großteil der Klasse wird den Transfer ebenfalls mit Leichtigkeit oder etwas Übung meistern und schnell automatisieren.

    Bei einigen Kindern ist das jedoch nicht so:

    Es ist möglich, dass sie sich auf einer Modalität bereits einigermaßen sicher bewegen und einzelne Rechenformate damit gut meistern. Sobald sie dasselbe Rechenformat aber auf einer anderen Ebene bearbeiten sollen, hat man das Gefühl, sie würden mit der Thematik von ganz vorne anfangen.

    Förderung – So habe ich Elina geholfen

    Die Situation mit Elina ist ganz typisch für Kinder mit Rechenschwierigkeiten. In der Klasse von Elina gab es noch ein paar weitere Kinder, welche ähnliche Probleme hatten, allerdings nicht so ausgeprägt wie Elina.

    Deswegen habe ich die Förderübungen zunächst mit Elina im Einzelsetting erarbeitet. Anschließend haben wir in der kleinen Fördergruppe die Übungen als Partnerarbeit durchgeführt. Dabei durfte Elina die Rolle des “Helferkindes” einnehmen, da sie die Übungen schon kannte.

    Hier sind die Übungen die wir gemacht haben:

    Übung 1: §Das Bilderrätsel“ – Ikonisch zu enaktiv

    Ich lege drei kleine Kärtchen vor Elina auf den Tisch. Darauf sind dieselben Abbildungen vom Dienes-Material zu sehen wie im Heft – Zahlen aus Zehnerstäbchen und Einerwürfeln, die eine Rechnung veranschaulichen.

    „Ich lege gleich eine dieser Aufgaben mit echtem Material“, sage ich, „und du musst herausfinden, welche das ist.“

    Ich nehme die Materialbox zu mir und beginne eine Rechnung zu legen: ein Zehnerstäbchen, ein Einerwürfel – ein Zehnerstäbchen, noch eins, dann drei Einerwürfel. Elina beobachtet konzentriert. Dann greift sie zu einem der Kärtchen, hält es neben das gelegte Material – Treffer!

    Das Bilderrätsel - einfache Übung zur Therapie von Rechenstörungen

    Nach fünf richtig erkannten Kärtchen drehen wir den Spieß um: Jetzt darf sie das Material legen, und ich muss raten.

    Dieser Rollentausch war Gold wert – Elina ging in der Rolle als Aufgabengeberin richtig auf. So nutzte sie das Material zur Abwechslung einmal nicht, um eine (zu schwierige) Aufgabe zu lösen, sondern um eine Aufgabe zu stellen! Ganz nebenbei trainierte sie, Bilder zu „verlebendigen“ und Handlungen bildlich zu erkennen. Der Transfer zwischen der ikonischen und enaktiven Modalität wurde hier also in beide Richtungen trainiert.

    Nota bene: Wir haben für diese Übung die Ergebnisse der Rechnungen ganz außen vor gelassen. Das reduziert Komplexität, sodass sich Elina ganz auf die Transferleistung konzentrieren konnte ohne dabei Kapazität für die Operation selbst zu verbrauchen.

    Übung 2: §(Zer)lege die Gleichung“ – Symbolisch zu enaktiv

    Ich schreibe die Rechnung aus dem Heft groß auf einen Streifen Papier:

    11 + 23 =

    “Schneide mal die erste Zahl ab und lege sie auf den Tisch”, sage ich.

    Elina nimmt die Schere und trennt die 11 ab. Etwas schief und ausgefranst, aber das macht nichts. Sie greift zielsicher zum Dienes-Material und legt ein Zehnerstäbchen und einen Einerwürfel darüber.

    “Und jetzt diese Zahl”, ich zeige auf die 23: “Wie sieht die aus?”

    Wieder wird geschnitten und gelegt und schon liegt die ganze Aufgabe sowohl als echte Menge, als auch symbolisch mit Ziffern vor uns.

    (Zer)lege die Gleichung - einfache Übung im Förderunterricht für Kinder mit Dyskalkulie

    Ich nehme das Pluszeichen und lege es zwischen das gelegte Material: “Was passiert jetzt mit diesen beiden Mengen, wenn ich hier ein Pluszeichen dazwischen lege?”

    Elina zeigt auf die beiden Mengen: “Wir tun die zusammen!”, sagt sie und legt die Zehnerstäbe und Einerwürfel zueinander.

    “Genau!”, lache ich und nicke ihr ermunternd zu.

    Wir legen alles zusammen – und plötzlich ergibt das Gleichheitszeichen Sinn: Es ist nicht nur ein Symbol, sondern ein Handlungsimpuls.

    Übung 3: §Die Rechnungsdetektivin“ – Verknüpfung aller drei Ebenen

    Sobald Elina bei der Übung 2 souverän und selbstständig arbeiten kann, erweitere ich die Übung.

    Ich deute auf das Material mit der Rechnung, die Elina gerade gelegt hat: “Merke dir die Rechnung hier ganz genau”.

    Elina kneift die Augen konzentriert zusammen. Dann nickt sie mir zu: Sie ist bereit. Ich verdecke das Material mit einem Seidentuch und schlage das Arbeitsheft auf.

    “Weißt du noch, welche Rechnung wir eben gelegt haben?”

    Sie fährt mit dem Finger über die Zeichnungen und Rechenaufgaben im Heft. Plötzlich blitzt es in ihren Augen auf. Ich kenne dieses Blitzen und bin ganz gespannt.

    “Die war’s!”, sagt sie und strahlt mich an. Sie weiß schon, dass es richtig ist und braucht von mir gar keine Bestätigung mehr.

    Sie greift zum Stift und trägt das Ergebnis ins Heft ein.

    Was ist hier passiert?

    Elina hat die Handlung (enaktiv) in ein Bild übertragen (ikonisch), welches wir unter dem Tuch versteckt haben. Dieses Bild konnte sie im Heft wiedererkennen und mit der Gleichung (symbolisch) in Beziehung setzen – und plötzlich fügte sich alles zusammen.

    Fazit mit diesem Fokus verbesserst du sofort deine Didaktik

    Du hättest nicht bis hierhin gelesen, wenn du keine reflektierte Lehrkraft wärst, die ihren Unterricht kontinuierlich verbessert und die Kinder in jeder Situation wahrnehmen und weiterbringen möchtest. Darum bin ich mir auch ganz sicher, dass EIS-Prinzip schon mindestens stellenweise erfolgreich einsetzt.

    Wir haben also gesehen, dass diese gute Didaktik bei Kindern mit Dyskalkulie noch nicht immer ausreicht, um nachhaltig ein Verständnis für basale Konzepte aufzubauen. Es fehlt aber nur dieses eine Puzzleteil.

    Achte nicht nur darauf, dass die verschiedenen Modi in deinem Unterricht Platz finden. Denke auch darüber nach, wie die Kinder es schaffen können, diese miteinander zu verknüpfen.

    Alleine durch diesen Fokus wirst du bemerken, dass sich deine Didaktik in kurzer Zeit massiv verbessert und du weniger Kinder mit anhaltenden Verständnisproblemen in deiner Klasse hast.

    Jetzt bist du dran!

    Ein paar Beispiele habe ich dir in den Förderübungen gegeben. Mit ein klein wenig Übung entwickelst du aber schon nach ein paar Mathelektionen deine eigenen Übungen, die deiner Lerngruppe besonders Spaß machen.

    Für die Vorbereitung:

    • Finde heraus, welche Repräsentationsmodi du für die nächste Mathestunde eingeplant hast (es ist okay, wenn es nicht alle drei sind! Du kannst fehlende Modi später wieder verstärkt fokussieren).
    • Überlege, wie du die Verknüpfung der beiden Modi mit einer kleinen, spielerischen Übung noch gezielter unterstützen kannst.

    Ab in die Praxis – so kannst du deinen Einstieg gestalten:

    Es ist völlig in Ordnung, wenn dir gerade auf Anhieb keine maßgeschneiderten Übungen für deine Lerngruppe einfallen. Das braucht ein bisschen Übung, die du in ein paar Wochen haben wirst!

    Fang doch einfach mit diesem einfachen Stundeneinstieg an:

    • Nimm die Seite im Heft oder im Buch, die deine Schüler*innen während der Stunde bearbeiten sollen.
    • In der Kreissequenz bittest du ein Kind sich eine Aufgabe davon zu merken, ohne den anderen Kindern zu verraten welche (alternativ kannst du dem Kind eine Aufgabe vorgeben, welche dem Leistungsniveau des Kindes entspricht).
    • Bitte das Kind nun, die Aufgabe mit dem bereitgestellten Material darzustellen.
    • Die Kinder im Kreis sollen nun raten, welche Aufgabe gelegt wurde.
    • Wenn du möchtest, kannst du daraus eine Gruppenaufgabe bauen:
      Die Kinder wiederholen die Übung in Vierergruppen. Sie können außerdem Punkte sammeln: Das Kind, welches die richtige Aufgabe am schnellsten findet erhält einen Punkt, und wird in der nächsten Runde eine Aufgabe für die anderen Kinder der Gruppe legen.

    Mit diesem Einstieg werden die Kinder perfekt auf die Aufgabenformate im Heft vorbereitet. Sie werden mit einem vertieften Verständnis für die Aufgaben in die Arbeitsphase starten.

    Viel Spaß beim Ausprobieren!

    Lass uns sammeln!

    Welche Übungen nutzt du, um den Transfer zwischen den Modalitäten zu fördern? Schreib es gern in die Kommentare – vielleicht schaffen wir zusammen eine kleine Ideensammlung für die Praxis!

    Du kannst diese Struktur nutzen um deine Übung(en) in den Kommentaren zu teilen:

    📌 Name der Übung:

    🔄 Was wird geübt?

    🧠Warum funktioniert das gut bei euch?

    Quellenverzeichnis

    De Vries, C. (2018). Mathematik im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung: Grundlagen und Übungsvorschläge für Diagnostik und Förderung im Rahmen eines erweiterten Mathematikverständnisses. (4. Aufl.). Modernes Lernen Dortmund.

    Rottmann, T./Schipper, W. (2002): Das Hunderter-Feld – Hilfe oder Hindernis beim Rechnen im Zahlenraum bis 100? In: Journal für Mathematik- Didaktik, 23, Heft 1, S. 51 – 74

  • 3 frühe Anzeichen für Dyskalkulie

    3 frühe Anzeichen für Dyskalkulie

    Bereits in der ersten Klasse beobachten Eltern und Lehrkräfte besorgt, wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, den Mathematikstoff zu erfassen. Es dauert meist nicht lange, bis die Frage nach einer Dyskalkulie bzw. einer Rechenschwäche oder Rechenstörung im Raum steht. Schon dann treten die ersten Unklarheiten auf.

    Es ist sehr wichtig, dass Lehrkräfte ganz genau wissen, worauf sie achten sollten, wenn es um Schwierigkeiten in Mathematik geht.

    In diesem Blogartikel betrachten wir die drei wichtigsten Indikatoren, welche bereits im ersten Schuljahr auf Rechenschwierigkeiten hinweisen können. Diese drei Anzeichen werden dir helfen, eine mögliche Dyskalkulie frühzeitig im Auge zu haben.

    Gleichzeitig helfen dir diese Indikatoren genau zu wissen, welche Kinder von gezielten Fördermassnahmen profitieren werden.

    Gut beobachtet ist halb diagnostiziert.

    Wenn du deine Schüler:innen beobachtest, solltest du nicht nur darauf achten, welche Fehler sie machen. Genauso wichtig ist der Faktor Zeit. Achte insbesondere darauf, dass die Kinder Aufgaben zügig lösen können, welche in deiner Klasse ausführlich geübt und automatisiert wurden. Wenn Kinder bei solchen Aufgaben länger brauchen, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass sie ungünstige Strategien verwenden. Auf diese drei Aspekte kannst du beim Beobachten achten:

    1. Mengenerfassung

    Bei der Mengenerfassung wird zwischen simultaner Erfassung und quasi-simultaner Erfassung unterschieden. Bei der simultanen Anzahlerfassung geht es darum, Mengen bis vier auf einen Blick zu erkennen. Diese Mengen können unstrukturiert sein: Zum Beispiel können Muggelsteinchen völlig zufällig auf dem Tisch platziert werden. Das Kind sieht die Zahl für eine Sekunde und benennt ohne zu zählen die korrekte Anzahl. Bei der quasi-simultanen Anzahlerfassung wird eine visuell strukturierte Menge angeboten – zum Beispiel die 12 auf dem 20er Feld. Auch diese Menge wird nur kurz gezeigt, sodass das Kind die Anzahl benennt ohne vorher gezählt zu haben.

    Wenn ein Kind in diesem Bereich Schwierigkeiten hat, sollte dies unbedingt als Warnsignal erkannt werden.

    Gleichzeitig ist die Förderung der Mengenerfassung eine hervorragende Fördermaßnahme. Die Wirksamkeit von Interventionen in diesem Bereich konnte wissenschaftlich gut belegt werden (Fischer et al., 2008).

    2. Zählen als Allrounder Strategie

    Wenn ein Kind für einfache Aufgaben länger braucht als erwartet, könnte das darauf hindeuten, dass das Kind ungünstige Strategien verwendet – besonders häufig beobachten wir bei Kindern mit Dyskalkulie als einzige Strategie das Zählen.

    Hin und wieder habe ich erlebt, dass Lehrkräfte oder Eltern dem Kind verboten haben zu zählen. Das führte dann jeweils aber eher zu Verunsicherung des Kindes als zur Bereitschaft andere Strategien zu erlernen. Das verwundert mich nicht:

    Wenn wir das Zählen verbieten, nehmen wir dem Kind die einzige Strategie, welche es bislang verlässlich anwendet.

    So wird Mathe für das Kind erst recht zum Buch mit sieben Siegeln.

    Statt dessen kannst du gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, in welchen Situationen das Zählen gut funktioniert, und wann es viel zu lange dauert und fehleranfällig wird. So versteht das Kind schnell, warum auch andere Strategien nützlich sein können und hat auch die Chance, Motivation zu entwickeln und etwas Neues zu lernen.

    3. Zahlzerlegungen bis 10

    Bis zum Ende der ersten Klasse sollten alle Kinder die Zahlzerlegungen bis 10 gut beherrschen. Bei der Zahlzerlegung geht es darum, dass das Kind eine Zahl in zwei oder mehrere Teilzahlen zerlegen kann. Es weiß zum Beispiel, dass sich die 7 aus der 3 und der 4 zusammensetzt, aber auch als 2 und 5 dargestellt werden kann.

    Falls Kinder bei solchen Aufgaben Mühe haben und mehr Zeit brauchen als erwartet, könnte es sein, dass sie noch innerlich zählen. Es ist ebenfalls gut möglich, dass sie die simultane Anzahlerfassung nicht ausreichend beherrschen und so die Teilmengen der Zahlzerlegungen gar nicht erfassen können. So verfestigt sich die Strategie des Zählens schnell bei diesen scheinbar noch leichten Aufgaben.

    Fallbeispiel

    Obwohl diese drei Bereiche auf den ersten Blick unabhängig voneinander erscheinen, hängen sie eng zusammen. Am Beispiel der sechsjährigen Leonie (Name geändert), die ich drei Jahre lang begleitet habe, zeige ich dir diese Zusammenhänge.

    Der Verlauf

    Leonie hatte bereits im Kindergarten Schwierigkeiten, Mengen bis vier simultan zu erfassen. Während andere Kinder Mengen bis fünf mühelos erfassten, begann sie sofort zu zählen. Ihre Strategie war es, möglichst schnell zu zählen, um mit den anderen mitzuhalten.

    In der ersten Klasse bemerkte zunächst niemand, dass sie Mengen nicht direkt erfassen konnte – schließlich kam sie ja irgendwie zur richtigen Lösung. Als der Zahlenraum bis zehn und zwanzig eingeführt wurde, hielt Leonie an ihrer bewährten Zählstrategie fest. Auch auf dem 20er Feld zählte Leonie die einzelnen Elemente der Fünfer- und Zehnergruppen ab, obwohl sie wusste, dass es Fünfer- oder Zehnergruppen waren.

    Die Kraft der Fünf und die Bedeutung der Zehn im Dezimalsystem konnte nicht verankert werden, weil sie in zu vielen Übungssituationen erfolgreich auf die Zählstrategie zurückgriff und sich diese dadurch manifestieren konnte.

    In der Folge konnte sie keine flexiblen Zahlzerlegungen bilden. Statt automatisch zu wissen, dass 7 sich aus 3 und 4 oder aus 2 und 5 zusammensetzt, musste sie auf das Zählen zurückgreifen.

    Leonies Selbstbewusstsein litt und sie beteiligte sich immer seltener aktiv im Matheunterricht. Auch solche psychischen Anzeichen sind typisch und können bereits im Grundschulalter zu ernsthaften Problemen führen.

    Die Fördermaßnahmen

    In meiner Förderplanung achte ich immer darauf, verschiedene Settings zu bedenken. In heterogenen Klassen ist es mir besonders wichtig, mindestens eine Fördermaßnahme im Klassenverband durchzuführen.

    Einzelsetting

    Mit Leonie übte ich zunächst gezielt die simultane Mengenerfassung bis drei und später bis vier. So konnte ich Leonie zeigen, dass sie nicht immer zählen muss. Gleichzeitig konnte ich ihr Selbstbewusstsein stärken als sie merkte, dass ihre Augen diese Mengen mit etwas Übung “einfach sehen”.

    Klassensetting

    Meine zweite Förderstrategie bestand darin, Leonie in ihrer gewohnten Strategie, dem Zählen, sinnvoll zu bestärken. Um das zu erreichen, arbeitete ich mit der gesamten Klasse am Thema “Flexibles Zählen”.

    So konnte Leonie zunächst mit ihrer perfektionierten Zählstrategie vor der ganzen Klasse glänzen und durfte wieder einmal die Erfahrung machen “gut in Mathe” zu sein. Gleichzeitig konnte ich sie so anregen, diese Strategie zu verfeinern und besser kennen zu lernen.

    Dies sollte die Grundlage für die Einsicht schaffen, dass die Zählstrategie zwar oft zielführend ist, aber auch an ihre Grenzen kommen kann.

    Weiterarbeit

    Nach ungefähr einem halben Jahr konnte ich mit Leonie die Zahlzerlegungen im Zahlenraum bis 10 erarbeiten. Diese konnte sie nun bearbeiten ohne permanent auf ihre Zählstrategie zurückzugreifen, da wir die simultane Mengenerfassung geübt hatten.

    Persönliches Fazit

    Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mir gewünscht habe, dass Leonies Schwierigkeiten bereits in der ersten Klasse erkannt und angegangen worden wären. Leonie hätte es so viel leichter haben können. Frühe Förderung hätte ihr so viel Frust erspart und ihr Selbstbewusstsein im Umgang mit Zahlen gestärkt.

    Darum ist es so wichtig, dass bereits in der ersten Klasse sehr genau auf diese drei einfachen Indikatoren geachtet wird.

    Schlüsselgedanken zum Mitnehmen

    • Achte darauf, ob ein Kind Mengen sofort erkennt. Die Mengenerfassung ist dein wichtigster Indikator für Rechenschwierigkeiten.
    • Werde hellhörig, wenn ein Kind ausschließlich Zählstrategien nutzt.
    • Überprüfe am Ende der ersten Klasse die Zahlzerlegungen.

    Jede dieser Beobachtungen gibt dir Hinweise auf geeignete Fördermaßnahmen. Die beste präventive Maßnahme ist die gezielte Förderung der simultanen und quasi-simultanen Mengenerfassung.

    Quellenverzeichnis

    Fischer, Burkhart & Köngeter, Dipl & Hartnegg, Klaus. (2008). Effects of Daily Practice on Subitizing, Visual Counting,and Basic Arithmetic Skills. Optometry & Vision Development. 39.