Ein Leitfaden für Lehrpersonen: Gespräche führen mit Feingefühl, Fachlichkeit und dem Blick aufs Kind
Wenn der Verdacht auf Dyskalkulie im Raum steht, stellt sich auch die Frage nach einer Diagnose. Wenn die Mutter eines Erstklässlers vorsichtig fragt: “Könnte das eine Rechenschwäche sein?”, dann löst das auch in der Lehrperson viele Fragen aus: “Habe ich etwas übersehen? Ist die Mutter nicht total verfrüht mit dieser Vermutung? Wie reagiere ich auf die Frage und wie spreche ich mit den Eltern darüber?”.
Und natürlich steht die unausweichliche Frage im Raum:
Sollten wir das Kind abklären lassen?
Aber was passiert eigentlich, wenn die Diagnose dann da ist?
Ich erlebe immer wieder, dass mit der Diagnose selten die Klarheit entsteht, die man sich erhofft hat – ganz im Gegenteil. Häufig erwachsen aus der Diagnose neue Unsicherheiten, wie mit der vermeintlich neuen Situation umgegangen werden soll.
Was bedeutet diese Rechenstörung konkret? Was ändert sich eigentlich durch die Diagnose – für das Kind, für die Schule, für die Eltern?
Damit die Diagnose Klarheit und Erleichterung geben kann, muss der Schritt zum Abklärungsverfahren wohl überlegt und vorbereitet sein. Bevor ich als Sonderpädagogin diesen Schritt empfehle, muss ich mich und alle Betroffenen darum fragen, was wir mit einer Diagnose eigentlich erreichen wollen und können (und was nicht).
Dafür ist eine frühzeitige Kommunikation mit den Eltern entscheidend.
In diesem Artikel nehme ich dich in meinen Kommunikationsprozess mit. Ich teile mit dir, welche Überlegungen wichtig sind, wenn die Frage nach einer Abklärung im Raum steht – und wie ich mit Eltern darüber spreche: ehrlich, feinfühlig und auf Augenhöhe.
Ist eine Diagnose das Richtige für uns?
Ein ausführliches Abklärungsverfahren kann ungefähr ab der zweiten Hälfte der zweiten Klasse durchgeführt werden. Dann haben die Kinder die Grundrechenarten erlernt und ein grundlegendes Verständnis für Mengen, Zahlen und das Dezimalsystem erworben.
Wenn es dann konkret um die Fragestellung rund um die Diagnose geht, ist es wichtig, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen:
Führt eine Diagnose automatisch zu schulischen Ressourcen?
Meistens: nein. Natürlich hängt das von vielen Faktoren ab und ist an jedem Ort (auch innerhalb eines Landes) unterschiedlich.
Es gibt aber einen bestimmten Grund, warum eine Diagnose für Rechenstörung selten zu zusätzlichen schulischen Ressourcen führt:
Das doppelte Diskrepanzkriterium der ICD-11
Klingt kompliziert – ist es auch. Das Kriterium steht schon lange in der Kritik und wurde im DSM-5 in den USA auch abgeschafft – aber das nur am Rande.
Einfach erklärt: Die Matheleistung muss nicht nur im Vergleich zu der Matheleistung anderer Kinder im gleichen Alter sehr schwach sein. Um die Diagnose einer Rechenstörung zu erhalten, muss die Matheleistung zusätzlich signifikant unter dem liegen, was aufgrund des IQs des betroffenen Kindes zu erwarten wäre.
Das heißt: Das Kind muss im Vergleich zu seinen eigenen Matheleistungen eine unerwartet hohe Intelligenz aufweisen. In vielen Fällen bedeutet das: Das Kind ist nur in Mathematik betroffen und kommt in den anderen schulischen Fächern ganz gut zurecht. Es bekommt also keine zusätzlichen Ressourcen.
Das Kind mit Dyskalkulie Diagnose ist „zu gut“ in der Schule…
Trotzdem kann es sinnvoll sein, eine Abklärung zu empfehlen. Dazu aber später mehr.
Das Wichtigste spielt sich vor der Diagnose ab
Gerade weil Kinder mit (isolierter) Rechenstörung in anderen Bereichen oft gut mitkommen, werden ihre Schwierigkeiten leicht unterschätzt.
Umso wichtiger ist es, dass wir früh und bewusst hinschauen – unabhängig davon, ob später eine Diagnose gestellt wird.
Unsere rechtzeitige Aufmerksamkeit und gezielte Förderung können für diese Kinder den entscheidenden Unterschied machen.
Die schlechte Aussicht auf zusätzliche schulische Ressourcen bedeutet also nicht, dass wir nicht schon früher über Rechenstörungen sprechen können – im Gegenteil. Früh ein Auge auf Rechenschwierigkeiten zu haben, ermöglicht frühe Förderung – niederschwellig und ohne Diagnose. Im Zeitraum zwischen Vorschule und der zweiten Klasse, sind präventive Fördermaßnahmen besonders wirksam (Fuchs et al., 2010).
Wie können wir als Lehrpersonen auf diese frühen Hinweise reagieren?
Besorgte Eltern: das zuverlässigste Frühwarnsystem
Eltern haben in meiner Erfahrung häufig ein extrem feines Gespür für die mathematischen Unsicherheiten ihres Kindes. Sie bringen ihre Bedenken häufig schon früh in die Elterngespräche mit. Fachlich gesehen erscheinen die Bedenken meistens noch recht verfrüht. Aber Achtung!
Die elterliche Sorge darf auf keinen Fall unterschätzt werden.
Eltern sind Experten für die emotionale Befindlichkeit ihres Kindes. Sie nehmen hier viel mehr als nur eine fachliche Schwäche wahr. In der Besorgnis schwingt meist mit, dass es dem Kind nicht mehr gleich gut geht wie früher. Und genau das könnte der entscheidende Hinweis auf ein Dyskalkulierisiko sein, denn:
10-40% aller von Dyskalkulie betroffenen Kindern kämpfen auch mit psychischen Symptomen wie Ängsten und Unsicherheit (Fischbach et al., 2010).
Das Gespenst besiegen
Die Eltern sind sehr besorgt. Es geht um ihr Kind und sie sind emotional involviert. Das gilt insbesondere, wenn das Kind bereits einen Leidensdruck hat, den die Eltern spüren. Diese Unsicherheit und Besorgnis führen aber zu negativen Wechselwirkungen zwischen Kind und Eltern. Darum ist mein wichtigstes Ziel im Gespräch die Eltern zu stärken:
Sicherheit geben durch Transparenz.
Wenn Eltern das Thema von sich aus angesprochen haben, gehört dazu auch, das Wort Rechenstörung oder Dyskalkulie in den Mund nehmen. Warum?
Weil es ihnen sonst weiter im Kopf herumgeistert – und ich als Lehrperson keinen Einfluss darauf habe, wie realistisch ihre Vorstellungen dabei sind.
Also spreche ich offen und direkt über die Diagnose, den möglichen Zeitpunkt, die richtigen Voraussetzungen und was eine Diagnose bedeutet – und was eben auch nicht.
Das tue ich in der Regel direkt am Anfang – in dem Moment, wo die Eltern es ansprechen. Dann ist das Gespenst besiegt und wir können uns wieder auf den aktuellen Moment konzentrieren.
Das eigentliche Gespräch
Jetzt fühlen sich die Eltern ernst- und wahrgenommen. Auf dieser Vertrauensbasis kann ich im eigentlichen Gespräch Sicherheit aufbauen und die Eltern stärken.
Das gelingt mir meistens durch drei zentrale Elemente:
1. Fachliche Einordnung – Vertrauensgestaltung
In dieser ersten Phase, bauen wir bei den Eltern Vertrauen auf, indem wir ihre Sorgen und Gedanken validieren.
Wir nehmen die Sorgen der Eltern wahr und bestätigen die oft sehr differenzierten Beobachtungen der Eltern. Das ist auch ein guter Moment die Eltern – wenn angebracht – durch wertschätzende Aussagen zu stärken:
“Sie haben sehr viele wichtige Beobachtungen gemacht.”
“Danke, dass Sie so offen über die Schwierigkeiten von Name des Kindes mit mir sprechen.”
“Es ist nicht selbstverständlich, dass Sie sich als Eltern so viele Gedanken darüber machen, wie Sie Ihrem Kind helfen können.”
Danach ist es aber unabdingbar, dass wir die Wahrnehmung der Eltern durch unsere fachliche Einschätzung ergänzen.
In diesem Teil erklären wir den Eltern ausführlich den Entwicklungsstand des Kindes.
Die Eltern sollten wirklich verstehen, was ihr Kind kann und woran als nächstes gearbeitet werden soll. Je besser die Eltern das verstehen, desto zielgerichteter können sie zu Hause unterstützen.
2. Konkrete Förderung sichtbar machen
Der wichtigste Teil im Gespräch ist es, klarzumachen: Was wird bereits gemacht – und was kann noch folgen?
Warum ist das so wichtig?
Je klarer förderliche Maßnahmen in den Köpfen aller Beteiligten präsent sind, desto bewusster und verbindlicher werden die Fördermaßnahmen im Anschluss auch umgesetzt. Ich erlebe oft nach dem Gespräch auch eine Intensivierung der bestehenden Maßnahmen.
Ganz wichtig: Was für uns Lehrpersonen ganz selbstverständlicher Alltag ist, können sich die Eltern oft gar nicht vorstellen. Die Eltern haben eine ganz andere Schule besucht. Die Lehrperson praktiziert bestimmte Aspekte schon seit Jahren und sieht diese als selbstverständlich, während die Eltern gar nicht wissen, dass solche Maßnahmen und Praktiken in der heutigen Zeit normal sind (oder sein sollten). So werden viele unterstützende Aspekte im Schulalltag unsichtbar – für beide Seiten.
Darum ist es hier für viele Lehrpersonen eine rechte Herausforderung, auch die selbstverständlichen Maßnahmen sichtbar zu machen – denn diese müssen wir erstmal identifizieren.
Ich liebe diesen Teil der Vorbereitung, weil ich dabei einmal gezwungen bin hinzuschauen, was wir eigentlich im pädagogischen Team schon alles gut machen!
Wir dürfen uns hier auch bewusst einen Moment Zeit nehmen, die eigenen Bemühungen wertzuschätzen.
Das hilft uns, auch niederschwellige Maßnahmen mit dem richtigen Gewicht sichtbar zu machen.
Ich unterscheide als Strukturierungshilfe gerne in drei Ebenen der unterstützenden Maßnahmen: Förderung im Klassenverband, individuelle Förderung in kleineren Settings und die Unterstützung zu Hause.
Um diese Ebenen zu verdeutlichen und diesem Gesprächsteil das nötige Gewicht zu verleihen, verwende ich gerne eine visuelle Unterstützung:

Die Ebenen sind als Symbole auf Karten dargestellt, denen wir gemeinsam die Maßnahmen zuordnen.
Du kannst dir die Karten am Ende des Blogartikels herunterladen.
Maßnahmen im Klassenverband – Der Baum
Alles, was im normalen Unterricht passiert – von differenzierten Aufträgen, didaktischem Anschauungsmaterial bis zur Sitzplatzwahl. Das ist der Teil, über den wir bereits gesprochen haben.
Individuelle Förderung – Die Gießkanne
Alles, was das Kind außerhalb der Klasse bekommt: Einzelförderung oder Kleingruppeninterventionen – etwa mit der Sonderpädagog:in, Therapien etc.
Festigung zu Hause – Das Haus
Was die Eltern konkret beitragen (können), ohne dass es zur Überforderung führt. Das kann die Unterstützung bei den Hausaufgaben sein, gemeinsame spielerische Übungen und so weiter.
Für diese Struktur bringe ich vorbereitete Papierstreifen mit ins Gespräch. Auf jedem Streifen steht eine Massnahme, die wir während des Gesprächs den entsprechenden Bildkarten zuordnen. Neue Ideen und Abmachungen ergänzen wir gemeinsam direkt vor Ort. Am Ende mache ich ein Foto der Übersicht fürs Protokoll.
3. Weiteres Vorgehen klären – Sicherheit schaffen
Für ganz viel Sicherheit sorgt das Wissen, wie es konkret nach dem Gespräch weiter geht. Darum besprechen wir explizit immer die folgenden Punkte:
- Was passiert als Nächstes? Wer macht was?
- Wann sprechen wir wieder? Wer lädt zum Gespräch ein?
- Was tun wir, wenn sich etwas verschlechtert?
Ich lege gern selbst einen Zeitpunkt für ein Folgegespräch fest – signalisiere aber auch: Ihr dürft euch jederzeit melden.
Wann lohnt sich eine Abklärung wirklich?
In den wenigen Fällen, in welchen eine Aussicht auf zusätzliche schulische oder außerschulische Ressourcen besteht, ist die Antwort hier klar: Abklären!
In seltenen Fällen könnte auch ein Nachteilsausgleich relevant werden. Auch in diesem Fall braucht es eine offizielle Diagnose. Für eine Lernzielanpassung benötigt man oft jedoch keine Diagnose. Das kann von Ort zu Ort variieren. Informiere dich über den Unterschied zwischen Nachteilsausgleich und Lernzielanpassung und die Abläufe an deinem Arbeitsort.
Wie wir gesehen haben, ist das jedoch selten der Fall. Darum gibt es in den meisten Fällen auf diese Frage keine einfache oder klare Antwort. Meines Erachtens ist es auch wichtig hier nicht in “richtig oder falsch” zu denken.
Es geht um die Prozesse im Hintergrund und die Dynamiken, die insbesondere bei dem Kind entstehen. Diese versuche ich vor meiner Empfehlung sorgfältig abzuwägen. Viele dieser Aspekte bespreche ich auch sehr offen mit den Eltern.
Folgende Gedanken helfen mir dabei:
Das Kind erlebt starken Leidensdruck.
Dieser Aspekt ist der Dreh- und Angelpunkt für den Entscheidungsprozess. Wir haben gesehen, wie hoch das Risiko für psychische Symptome bei Kindern mit Dyskalkulie ist. Darum ist es entscheidend den Leidensdruck nicht zu unterschätzen und stark in die Entscheidungsfindung mit einzubinden.
Wie hoch ist die Chance, dass eine Diagnose hier Entlastung beim Kind schafft?
Ist das Kind in der Lage zu verstehen: Ich mache nichts falsch, ich darf so sein. Ich bin mit meiner Matheleistung gut genug.
Die Eltern machen (unbewusst) Druck.
Insbesondere wenn wir es nicht schaffen den Druck und die Sorge der Eltern zu entschärfen, besteht ein hohes Risiko, dass sie diese an ihr Kind weitergeben. Eine offizielle Diagnose kann für sie ein Aha-Erlebnis sein – und zu mehr Akzeptanz und Geduld führen.
Ich erlebe oft erhebliche Entlastungen im Familiensystem, wenn die Diagnose gut vorbereitet wurde und im Vorneherein keine falschen Erwartungen an das Abklärungsverfahren geknüpft wurden.
Auch die Lehrperson braucht Klarheit.
Das sollte zwar kein Faktor für den Entscheidungsprozess sein, aber auch bei uns Lehrpersonen kann die Diagnose eine mentale Entlastung auslösen. Denn eine Diagnose legitimiert, dass wir dem Kind den regulären Schulstoff wahrscheinlich nicht vollständig vermitteln können.
Der Bildungsauftrag kann nämlich auch ganz schön belastend sein – insbesondere bei unseren vollen Curricula und den oft erschwerenden Rahmenbedingungen.
Fazit: Die Empfehlung für eine Abklärung sollte immer gut abgewogen sein – mit Blick auf das ganze System und dem Fokus auf dem Kind.
Schlüsselgedanken zum Mitnehmen
- Eltern sind ein zuverlässiges Frühwarnsystem: Ihre Besorgnis ist eine Ressource.
- Das Ziel in der Kommunikation ist: mit Empathie und Klarheit für mehr Sicherheit und Zuversicht sorgen.
- Der 3-Schritte Leitfaden gibt dir eine strukturierte und erprobte Gesprächsbasis. Lade ihn dir als Erinnerungshilfe herunter!
Du musst keine Entscheidung treffen – sondern mit Herz, Struktur und Fachlichkeit begleiten. Du stärkst das Vertrauen der Eltern in ihre eigene Entscheidung für oder gegen eine Diagnose.
Eine Diagnose ist kein Zauberstab. Aber manchmal schenkt sie Klarheit – im Kopf, im Klassenzimmer und beim Kind:
Ich bin gut genug.
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Quellenverzeichnis
Fischbach A, Schuchardt K, Mähler C, Hasselhorn M, (2010): Zeigen Kinder mit schulischen Minderleistungen sozio-emotionale Auffälligkeiten? Z Entwickl Padagogis; 42: 201–10
Fuchs, L. S., Powell, S. R., Seethaler, P. M., Cirino, P. T., Fletcher, J. M., Fuchs, D. et al. (2010). The effects of strategic counting instruction, with and without deliberate practice, on number combination skill among students with mathematics difficulties. Learning and Individual Differences, 20 (2), 89 – 100. doi: 10.1016/j.lindif.2009.09.003














